Lesehilfe:
Wie sind die Wahrscheinlichkeitswerte des Modells zu verstehen?

Für jede Person und jedes Ereignis – also Mitglied des Kabinetts zu werden oder der mutmaßliche Erhalt eines bestimmten Ressorts – wird täglich eine eigene Wahrscheinlichkeitskurve neu berechnet. Diese Wahrscheinlichkeitskurve setzt sich aus den im Methodenteil genannten Komponenten zusammen. Dabei wird für jedes "neu" eintretende Ereignis auch eine neue Kurve berechnet. Wenn beispielsweise Horst Seehofer für ein neues Ressort diskutiert wird, dann wird ab diesem Zeitpunkt auch eine Wahrscheinlichkeit ermittelt.

Die Grundannahmen des gegenwärtigen Modells sehen vor, dass die Ereignisse unabhängig voneinander sind. Aus der Perspektive der Ernennung von Personen zu MinisterInnen mag dies zunächst widersprüchlich erscheinen, da eine Person, die für ein Ministerium A ernannt wird, nicht gleichzeitig ein zweites Ministeramt B bekleiden kann. Somit würde man davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeiten der gehandelten Personen für Ressort B sich erhöhen, sobald die Wahrscheinlichkeit der bereits ernannten Person auf null sinkt, die das Ministeramt A erhalten hat und somit aus dem Wettbewerb um Ressort B "ausgestiegen" ist. Allerdings widerspricht diese Logik nicht nur den Annahmen des Modells, sondern auch der Praxis zur Besetzung des Bundeskabinetts, denn MinisterInnen werden nicht nacheinander ernannt, sondern gemeinsam als Mitglieder des Bundeskabinetts vorgestellt und vereidigt. Aus diesem Grund wird für jedes Ereignis eine eigene Wahrscheinlichkeit berechnet und eine Addition der Wahrscheinlichkeiten ist somit methodisch und inhaltlich unzulässig.

Die Idee der Addition der Wahrscheinlichkeiten ist aber im Wesentlichen durch ein ex-post (im Nachhinein) Verständnis geprägt (ähnlich dem Ziehen ohne Zurücklegen), wobei man erst im Nachhinein wissen kann, welche Kugel man gezogen hat und wie sich die Wahrscheinlichkeiten der anderen Ereignisse verändern (= nachdem die Kugel gezogen wurde). Unser Modell nimmt jedoch eine ex-ante (im Vorhinein) Prognose vor. Will man die bekannten Wechselbeziehungen im Wettbewerb zwischen Personen, Parteien und Ressorts berücksichtigen, kann man diese nur aus bereits bestehenden Daten schließen. Dies wäre weniger problematisch für Verhandlungsformate, die es auf Bundesebene bereits gegeben hat. Die aktuelle Verhandlungssituation mit CDU, CSU und SPD nach einer gescheiterten Sondierung durch CDU, CSU, FDP und Grüne ist aber völlig neu und kann somit auch neue Dynamiken mit sich bringen. Daher ist es wenig sinnvoll, unser Schätzmodell um Komponenten zu erweitern über die bisher wenig gesicherte Informationen vorliegen.

Nach der Logik unseres Modells ist es völlig plausibel, dass Sigmar Gabriel für das Auswärtige Amt einen Wert von ca. 56 % erhält und für das Ressort Finanzen gleichzeitig einen Wert von ca. 50 % (Stand 08.01.2018). Dies bedeutet nicht, dass Sigmar Gabriel eine Gesamtwahrscheinlichkeit von 106 % hat, im kommenden Kabinett zu sein, denn hierfür wird ein eigener Wert ermittelt (siehe Kabinett-Radar). Beide Ergebnisse bedeuten vielmehr die jeweilige modellbasierte Eintrittswahrscheinlichkeit für das Ereignis Gabriel + Auswärtiges Amt bzw. für das Ereignis Gabriel + Finanzen. Ebenso ist es plausibel, dass im Wettbewerb um dasselbe Ministerium die darin genannten Personen mit ihren Wahrscheinlichkeiten zusammenaddiert über 100% ergeben können: Das Modell schätzt jeweils die individuellen Eintrittswahrscheinlichkeiten der Paarungen von Person und Ministerium und nicht den Anteil, den jede diskutierte Person an der zusammenaddierten Wahrscheinlichkeit aller Personen einnimmt.