Graphik der Woche

Wie relevant ist die Kabinettserfahrung für den Wettbewerb um "Wer wird was im Bundeskabinett"? (05.02.2018)

Die Graphik zeigt die Verteilung der tagesaktuellen Wahrscheinlichkeiten der diskutierten Personen, ein Kabinettsamt zu erhalten.
Wir analysieren alle Nennungen seit dem Scheitern der "Jamaika"-Sondierungen und dem Beginn des Prozesses zur Bildung einer "Großen Koalition" aus CDU, CSU und SPD (21.11.2017 bis 04.02.2018) und berücksichtigen die Kabinettserfahrung und Parteizugehörigkeit. Kabinettserfahrung bedeutet, dass die Person in 2017 ein Ministeramt auf Bundes- und/oder Landesebene innehatte. Diese Betrachtung ist unabhängig von den jeweiligen Ressorts, für die die Personen diskutiert werden und für die sie deutlich höhere Wahrscheinlichkeitswerte aufweisen können.

Graphik der Woche

Lesehilfe: Boxplots zeigen sowohl die Lage als auch die Streuung der Daten. Die horizontalen Striche, die so genannten "Antennen" oder "Whisker", bilden Minimum und Maximum der täglichen Wahrscheinlichkeit ab. Der senkrechte Strich innerhalb der Box zeigt den Median der täglichen Wahrscheinlichkeit. Innerhalb der Box sind die Werte zwischen dem ersten und dem dritten Quartil dargestellt. Die Quartile teilen eine sortierte Datenreihe in vier Teile, die jeweils gleich viele Daten enthalten: Ein Viertel der Daten wird "vor" der Box abgebildet, ein weiteres Viertel zwischen erstem Quartil und Median, ein weiteres zwischen Median und drittem Quartil und das vierte "hinter" der Box. Der Mittelwert wiederum wird über die Raute dargestellt und beschreibt das arithmetische Mittel pro Gruppe (Kabinettserfahrung und Partei).

Für alle disktuierten geschäftsführenden BundesministerInnen liegt der Mittelwert der Wahrscheinlichkeit insgesamt bei 14,6%, was auch auf den hohen Mittelwert der geschäftsführenden CDU-BundesministerInnen zurückzuführen ist. Die deutlich höheren täglichen Wahrscheinlichkeitswerte erzielen allerdings die geschäftsführenden SPD-BundesministerInnen, selbige streuen aber auch stärker als die ihrer KollegInnen von CDU und CSU. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Unionsparteien vergleichsweise spät begonnen haben ihre KandidatInnen zu diskutieren. Dadurch gibt es viele eher niedrige tagesaktuelle Wahrscheinlichkeiten auf Kabinettsebene. Diese Befunde scheinen auf den ersten Blick den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Besetzung politischer Spitzenämter zu widersprechen, wonach es einen Amtsbonus für amtierende Kabinettsmitglieder gibt (siehe hier). Tatsächlich aber bestätigen die Befunde diese These, da die unterschiedlichen Wahrscheinlichkeitswerte auch deshalb auftreten, weil das Personal unterschiedlich stark diskutiert werden "muss", nämlich zumeist wenn es Alternativvorschläge für Besetzungen oder neue Personalvorschläge gibt. Gerade hier zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen der CDU und der SPD. Die CDU agiert eher zurückhaltend bzw. ihre KandidatInnen werden oftmals sehr gezielt für ein oder sehr wenige Portfolios ins Gespräch gebracht.

Diese Befunde werden ebenfalls für Kabinettsmitglieder auf Landesebene gestützt. Für alle disktuierten LandesministerInnen liegt der Mittelwert der tagesaktuellen Wahrscheinlichkeiten bei ca. 19,3%, deutlich höher als für die anderen beiden Gruppen, die wir nach Kabinettserfahrung differenziert haben. Auch hier wird der Mittelwert durch Mitglieder einer Partei stark beeinflusst, in diesem Fall von der CSU. Allerdings ist hier gleichzeitig auch die CSU die Partei, deren LandesministerInnen im Zeitverlauf die höchsten tagesaktuellen Wahrscheinlichkeiten erreichen, u.a. auch wegen der starken medialen Diskussion um das künftige Amt von Horst Seehofer. Die politikwissenschaftliche Forschung zu Karrieremustern in der Politik zeigt, dass LandesministerInnen relativ selten ins Bundeskabinett wechseln (siehe hier). Allerdings ist diese Betrachtung ex post und bezieht sich auf eine viel größere Grundgesamtheit an potenziellen KandidatInnen. Dagegen beziehen sich unsere Befunde auf eine ex ante Betrachtung medial diskutierter Personen mit Kabinettserfahrung auf Landesebene. Insofern handelt es sich um eine (enge) Vorauswahl, die dann auch umso intensiver für ein Ministeramt diskutiert wird.

Im Gegensatz dazu weisen alle Personen ohne Kabinettserfahrung mit 13,2% den niedrigsten Mittelwert der tagesaktuellen Wahrscheinlichkeiten auf. Die Unterschiede nach Parteien sind zudem nicht besonders auffällig, weder bezogen auf die jeweiligen Mittelwerte noch die Streuung. Die leicht höhere Streuung der SPD lässt sich auch durch die intensive Diskussion über ein mögliches Ministeramt von Martin Schulz erklären.

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